Montag, 29. Dezember 2008

Der 71. bis 82. Tag

Vom 71. bis 78. Tag verliefen die Vor- und Nachmittage immer gleich: Pferde, Pferde, Pferde!

Am 73. Tag waren wir zusammen mit den Zambails bei Heiko und Morisette Rodde zum Abendessen eingeladen. Morisette ließ uns schmecken, dass sie es liebt zu kochen. Heiko, der leidenschaftliche Abenteurer und Pferdefotograf, zeigte uns einige seiner wunderschönen Fotos, die er in Kanada und in den USA gemacht hat und wir redeteten über unsere Abenteuer.

Der 77. Tag war der 24. Dezember. Für den Fall, dass wir diesen Abend allein verbringen, hatten wir schon einen tollen Plan: Gegen 17 Uhr, wenn überall die Familien gemeinsam am Weihnachtsbaum sitzen, wollten wir unsere Pferde rausholen und mit ihnen in der großen Reithalle spielen und reiten und dann früh ins Bett gehen. Christine und Berni hatten einen anderen tollen Plan. Sie holten uns gegen 18 Uhr ab und fuhren mit uns in die Schweiz zu Christines Familie. Der Heilige Abend wurde zum stilvollen Schlemmer Abend. Erst gab es eine kalte Vorspeise mit Lachs, Käse und Fleisch. Wir mussten mächtig aufpassen, uns nicht schon satt zu essen. Nach kurzer Verdauungspause gab es dann Schweizer Fleischfondue. Hauchdünn geschnittenes Rind- und Putenfleisch wird auf eine spezielle Fonduegabel aufgespießt und in den Topf mit kochender Brühe gar gezogen. Dazu gibt es viele leckere Soßen und Beilagen. Es war so lecker und es ist eine sehr gemütliche Art beisammen zu sein und zu essen. Danach wurden Geschenke verteilt und dann noch eine leckere Nachspeise serviert. Kugelrund, glücklich und dankbar über diesen gelungen Abend fuhren wir gegen 0:30Uhr wieder nach Hause.

78. Tag - Tag des Dilemmas. Eigentlich war heute der Tag an dem wir weiter reiten wollten, doch erstens, war es am Vortag viel zu spät und dann gab es eben auch die Möglichkeit zu bleiben. Wir überlegten hin und her. Heiko und Morissette Rodde, die für uns schon die nächsten zwei Quartiere besorgt hatten, kamen auch, um mit uns zu beratschlagen. Nachdem wir ausgiebig alles hin und her überlegt hatten, kam die Entscheidung: morgen reiten wir weiter! Ich bin sicher, wenn unser Ritt nicht der Sterntalerhof Charity Ritt wäre, wir wären bis Ende Januar dort geblieben und dann per Pferdtransporter weitergereist. Doch so kam der vorerst letzte Abend und das vorerst letzte Nachtessen mit Berni und Christine.

Am 79. Tag hieß es nun alles wieder zusammen packen, Pferde satteln, Packtaschen rauf, Abschied nehmen und los. Heiko Rodde war mit seiner Kamera dabei und machte tolle Bilder von uns. Ihr könnt alle Bilder in unserer Diashow ansehen. Wir starteten gegen 12 Uhr. Die Sonne und eisiger Ostwind nahmen uns in Empfang. Wir hatten uns für eine kurze erste Etappe entschieden und kamen nach dreieinhalb Stunden auf der Wide Field Ranch in Breitenfeld an. Nachdem die Pferde gut versorgt waren, nahmen uns die Roddes mit zu sich nach Hause. Gabi wärmte sich erstmal am Kamin und entspannte sich. Die Bise, wie dieser frostig-fiese Ostwind hier genannt wird, hatten bei ihr heftige Kopfschmerzen verursacht. Morissette verwöhnte uns wieder mit ihren Kochkünsten, wir schauten Fotos und quatschten. Gegen halb neun brachten sie uns wieder zurück. Gabi ging schlafen, ich schaute noch mal nach unseren Pferden und saß dann noch eine Weile mit Uwe, dem Pächter der Wide Field Ranch zusammen.


Auch am 80. Tag war es bitterkalt und windig. Ein paar mal mussten wir ein kurzes Stück in Richtung Norden gehen und bekamen die Bise seitlich ins Gesicht. Ätzend! Es war an dem Tag so kalt, dass wir nur ganz kurz auf den Pferden saßen. Den Rest marschierten wir. Da wir uns im südlichen Schwarzwald befinden, war die Strecke entsprechend anspruchsvoll und ein ständiges auf und ab. Wir legten einige hundert Höhenmeter zurück. Ungefähr halb vier hieß uns Marion Dimer auf ihrem Brunnmatthof willkommen. Pferde versorgen und schnell ab ins Warme. Marion kochte lecker für uns und wir tratschten. Der Brunnamtthof ist auch so eine gemütliche Oase, in der wir gern ein paar Tage länger geblieben wären.An diesem Abend fand in Kleinöttingen in der Schweiz auf der Horsemanship Anlage „Farmers Place“ ein Parelli Stammtisch statt. Heiko zeigte dort eine wunderbare Diashow mit Pferde und Naturbildern und danach gab es eine Diskussion mit Berni Zambail zum Thema Probleme mit dem Pferd und deren Lösung. Marion Dimer und ihr Mann Stojan kamen spontan mit dorthin. Gabi war ziemlich müde und blieb auf dem Brunnmatthof.

Das Wetter war am 81. Tag immer noch unverändert kalt. Nach dem ausgiebigem Frühstück mit Marion und Stojan wären wir am liebsten wieder zurück ins Bett gegangen. Doch heute sollte unsere letzte Etappe in Deutschland sein! Gut die Hälfte der Strecke wurden wir von Stojan und seinem Quarter-Oldenburger Wallach begleitet. Der zweite Abschnitt des Weges brachte uns ziemliche Herausforderungen. Das erste Problem waren umgestürzte Bäume. Den ersten konnte ich mit meiner kleinen Säge noch bezwingen, den zweiten nicht mehr. Wir mussten ein Stück zurück reiten und uns einen neuen Weg suchen. Auf dem Weg habe ich dann noch etwas ziemlich blödes getan. Es gab ein Problem mit Navajo, er wollte nicht zwischen der Mazirah und dem Hang vorbei, ich wollte aber, dass er geht und fing an mit ihm zu kämpfen. Dabei rutschte er dann am Abhang mit den Hinterbeinen einen halben Meter runter. Als er wieder oben war, bekam Gabi einen Riesenschreck! Ein Hufschuh hatte sich gelöst und hing nun nur verdreht an seiner Fessel. Für Gabi sah es aus, als wäre sein Huf ab. Die Nerven lagen blank. Irgendwie klappte dann erstmal gar nichts mehr. Lady, die wir auf den schmalen Wegen zwischen uns frei laufen ließen, machte sich kurz mal selbstständig, die Wegmarkierungen stimmten auf einmal nicht mehr wirklich mit der Karte überein, ich bekam Durchfall. Ich fühlte mich sowieso gestresst, weil wir uns mit Heiko, Morissette und der Schweizer Wanderreiterin Denise Locher verabredet hatten und spät dran waren. Die warteten in Harpolingen am Friedhof auf uns. Zwei Zugfahrzeuge mit Pferdeanhängern. Erschöpft und genervt kamen wir dort gegen 16 Uhr an. Wir banden die Pferde an den Anhängern fest, sattelten ab, verstauten unser Gepäck, verluden die Pferde und ab ging die Post. Ziel war Bouxwiller, ein Ort in Frankreich westlich von Basel. Denise hatte uns dringend empfohlen, den Bereich Lörrach und Weil am Rhein nicht zu reiten. Es wäre eine Tagesetappe nur im Stadt und Industriegebiet. Sie und Heiko hatten uns angeboten, dass sie uns transportieren. Wir haben erst überlegt und dann entschieden, dass ist völlig in Ordnung von unserem 2000 Kilometer Ritt 70 Kilometer mit dem Hänger zu fahren. Morissette hatte heiße Getränke und Pallatschinken (auch Eier-oder Pfannkuchen genannt) für uns vorbereitet. Denise hatte in Bouxwiller schon alles für unsere Pferde vorbereitet. Nachdem alles versorgt und verstaut war lud Denise uns und ihre Freundin Andrea in ein Restaurant zum Essen ein. Sie brachte uns außerdem einen großen Stapel Karten mit, versorgte uns mit vielen wertvollen Tipps über Frankreich und machte uns viel Mut. Anschließend übergab sie uns an ihre Freundin Andrea, einer Schweizerin, die mit ihrem Mann Urs nach Frankreich ausgesiedelt ist. Andrea lud uns in ihr Haus ein, hatte schon ihr Gästezimmer für uns hergerichtet und forderte uns auf, uns wie zu Hause zu fühlen. Einmal mehr fühlten wir uns als reich beschenkte Glückskinder. Voller Dankbarkeit für all die uns entgegen gebrachte Hilfe, Großzügigkeit und Liebe schliefen wir ein.

Heute, am 82. Tag sind wir noch zu Gast bei Andrea und Urs. Es ist unser Organisationstag. Karten kaufen, Prepaid Telefonkarte besorgen, zum Geld abheben, telefonieren und das Internettagebuch aktualisieren. Urs kocht heute abend etwas typisch Elsässisches für uns. Wir sind gespannt. Morgen geht es weiter. Wir sind in Frankreich. Für uns noch immer kaum zu glauben.

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Schiss vor Frankreich


Gut zwei Wochen sind seit unserem letzten Eintrag vergangen. Wenn es eine Frage gibt, die wir immer wieder zu hören bekommen, dann die: Warum reitet ihr ausgerechnet im Winter? Nachdem wir zwei Tage bei dichtem Schneefall unterwegs waren, wusste ich eine Antwort mehr auf diese Frage, weil ich sonst nicht so schöne Fotos von der eingeschneiten Natur machen könnte. Zwei Wochen, in denen viel passiert ist. Vor allem zwei Wochen, die uns an unsere emotionalen Grenzen und an unsere Ängste brachten. Zermürbt von Nässe und Kälte waren wir, vor allem Gabi, nahe dran, dass Abenteuer zu beenden. Wir haben noch maximal 5 Tagesetappen in Deutschland. Dann kommt Frankreich. Immer wieder trafen wir Leute, die uns ihre schlechten Erfahrungen mit Frankreich erzählen. Gute Wanderkarten im Maßstab von 1:50.000 scheint es auch nicht zu geben, jedenfalls haben wir noch keine gefunden. Wo werden wir mit unseren Pferden Weihnachten verbringen? Wie werden wir mit unseren bescheidenen Französisch Kenntnissen weiterkommen? Bange Fragen, die uns schon vor der Reise kamen und die sich bisher immer wieder wegschieben ließen. Jetzt lassen sie sich nicht mehr wegschieben und wir werden Antworten finden!

Der 58. bis 70. Tag


Insgesamt drei Tage verwöhnten uns Frau und Herr Schillig. Aber am 58. Tag geht es dann doch weiter. Wir sind kaum 30 Minuten unterwegs, da fängt es an zu regnen. Natürlich kommt der Wind aus Westen, so dass wir Stunden lang das kalte Wasser ins Gesicht bekommen. Wir müssen ziemlich Mitleid erregend ausgeschaut haben, denn mehrmals werden wir angesprochen und auf eine heiße Tasse Kaffee eingeladen. Wir lehnen dankend ab, denn wir haben einen weiten Weg zurück zu legen. Nach einigen Stunden machen wir eine kurze Zwangspause, wir müssen das Gepäck noch mal neu richten und etwas essen. Wir haben genug von dem Wetter und von der Reise. Gabi denkt ernsthaft über einen Abbruch der Reise nach und ich beschließe, mir einen Bürojob zu suchen und mich in meiner Freizeit nur noch mit Yoga und Meditation zu beschäftigen. Weiter geht es. Für eine Stunde hört der Regen auf. Wir legen einige Höhenmeter zurück und sind schließlich auf 800 Meter angelangt. Hier wird es plötzlich nebelig und heftiger Schneeregen beginnt. Es wird dunkel und wir müssen mehrfach nach dem Weg fragen. Dann endlich haben wir die Naturreitschule von Andrea Doderer gefunden. Wir versorgen die Pferde und lassen uns dann nass, durchgefroren und erschöpft auf ihrem Sofa vor dem Kamin nieder. Andrea serviert uns Tee und Würstchen und bietet uns an, den nächsten Tag zu bleiben, denn es soll weiter regnen und schneien.

Den 59. Tag bleiben wir bei Andrea. Es schneit weiter, wir erholen uns, kein Internet, kein Telefon, schlafen, reden, schlafen.

Der 60. Tag bringt wieder Sonnenschein. Wieder bewältigen wir einige Höhenmeter, aber diesmal bergab. Von weitem sehen wir schon, wie der Nebel dick im Tal hängt. In einem kleinen Dorf schaut eine Frau aus dem Küchenfenster und erkundigt sich nach unserer Reise. Dann die Überraschung: wir werden mit einer Linzer Torte und mit leckeren Weihnachtsgebäck beschenkt. Wir sind happy. Gegen 16 Uhr haben wir unsere 30 Kilometer geschafft und erreichen die Pferdepension Obernusserhof. Unsere Pferde übernachten in der Reithalle und wir in einer wunderschönen kleinen Ferienwohnung. Der Obernusserhof gefällt uns sehr gut. Es gibt so viele schöne Details, viele tolle Lösungen, die das Leben der Pferde und der Menschen angenehm machen. Das Konzept gefällt uns ebenfalls: es gibt die Abteilung Gnadenbrot Pferde, wo zurzeit 20 Pferde unter optimalen Bedingungen ihren Lebensabend unter Artgenossen verbringen und es gibt den Einstellbetrieb mit großen Paddockboxen, Weideflächen und Reithalle. Das alles in schöner Alleinlage ohne direkte Nachbarn.

Am 61. Tag sind wir wieder ungefähr 30 Kilometer unterwegs. Wir sind erst kurz vor neun gestartet und kommen deshalb erst im Dunkeln bei Toni Grömminger auf dem Hof Hewenblick in Anselfingen an. Wir versorgen die Pferde und werden dann selbst mit einer Vesper, wie die Brotzeit bzw. Jausen hier nun heißt, versorgt. Es gibt lauter leckere Wurstsorten aus eigener Gallowayschlachtung. Am Abend sitzen wir noch lange zusammen und Toni erzählt von seinen USA und Kanada Reisen und seinen Erlebnissen als Cowboy auf den verschiedenen Ranches.

Es hat in der Nacht geschneit und schneit den ganzen Tag weiter. Toni bringt uns ein Stück, die Landschaften sehen wie im Wintermärchen aus, immer wieder staunen wir über schneeverzauberte Natur. Der 62. Tag ist wieder so ein Tag, an dem es Schwierigkeiten mit der näch- sten Unterkunft gab. Wir bekommen eine Absage und bei einer anderen Adresse meldet sich niemand. Wir reiten auf gut Glück los. Unterwegs bekommen wir dann auf einem Pferdehof das Angebot bleiben zu können und am nächsten Tag per Anhänger nach Erzingen gebracht zu werden. Sehr verlockend, doch wir lehnen ab und reiten weiter durch dichten Schneefall. Feldwege sind nur noch zu erahnen. Ich will dauernd anhalten, um zu fotografieren. Dann gegen 14 Uhr kommt der erlösende Anruf von Andrea Burger, wir können die Pferde bei ihr auf die Koppel stellen und selbst im Gasthaus um die Ecke schlafen.

Weiter geht es am 63. Tag bei dichtem Schneefall. Wir kommen gut voran und als wir die Hälfte der Strecke haben, machen wir eine Pause und ich koche uns einen Tee aus Schnee. Ich bin so happy dabei, ich fühle mich, als wären wir in Kanada unterwegs. Wir reiten zu Berni und Christine, unglaublich, plötzlich wird uns das Ausmaß unserer Reise bewusst, weil wir eine Station erreichen, die so unendlich weit weg von zu Hause ist und wo wir jemanden kennen. Über tausend Kilometer sind wir schon unterwegs. Herzlich werden wir von der Familie Winter, den Besitzern des Reitstalles Wolfsgrube und von Christine und Berni Zambail empfangen. Abends nehmen uns die Zambails mit in die Schweiz zu ihrer Hochzeitstagsfeier. Es gibt leckeres Raclette.

64. Tag. Ausschlafen, dass heißt um 7 Uhr erst aufstehen, Pferde füttern, Frühstück und dann… Gabi geht mit Maz und Lady spazieren und ich lege mich wieder hin und schlafe. Wunderbar, so ein zweiter Schlaf, dann kommt Berni. Wir schauen ihm beim Spielen und Reiten seiner Pferde zu, stellen Fragen und Berni teilt sein unglaublich großes Wissen über Horsemanship mit uns. In Berni’s Nähe ist es nahezu unmöglich, nichts zu lernen.

Am 65. Tag gibt es viel zu tun: Vorbereitungen für das Parelli Tournament am nächsten Tag. Am Nachmittag hat Berni Unterricht. Wir dürfen dabei sein. Es ist auch für uns sehr lehrreich, obwohl es nichts Spektakuläres passiert. Wir hören Berni’s Erklärungen und besonders mir fällt auf, dass ich vieles davon schon gehört und wieder vergessen habe. Am Abend sind wir bei Berni und Christine zum Essen eingeladen.


Heute, am 66. Tag, heißt es wieder früh aufstehen, denn bevor wir um 8 Uhr mit Berni zum Parelli Tournament nach Fehraltorf fahren, versorgen und spielen wir noch mit unseren Pferden und Gabi putzt Berni’s Rappen, den Prom, auf Showglanz. Beim Tournament hatten wir eine Menge Spaß, sahen tolle Parelli Horsemanship Vorführungen von den Instruktoren Berni Zambail, Walter Gegeschatz, David Zünd und Carmen Zulauf und trafen sogar einige alte Bekannte wieder.


Der 67. Tag ist für uns ein besonderer Tag, denn Berni hat heute Zeit für uns und unsere Pferde. Wir checken Sättel, verbessern hier und dort etwas. Gabi bekommt Unterricht mit ihrer Maz und dann spielt Berni mit Navajo von seinem Pferd aus. Bei Navajo haben sich einige Respektlosigkeiten eingeschlichen, die ich durch fehlende Konsequenz, fehlende Klarheit und vor allem durch fehlendes Friendly Game selbst verursacht habe. Bitte und Danke, zwei Worte, die die Welt verändern können! Schon so oft gehört, völlig klar und logisch und doch immer wieder vergessen. Am Abend serviert uns Christine echtes Schweizer Käsefondue.

Der 68. Tag ist Gabi’s Wunscherfüllungstag. Erst darf sie Berni’s Pferd Prom reiten, um zu lernen, wie es sich an fühlt, ein Pferd ohne Zügel, nur mit Fokus und Schenkel, zu reiten. Dann spielt Berni mit der Lady. Wir sind fasziniert, wie er Lady liest und wie er mit ihr umgeht. Ruckzuck hat er bei ihr Schulterherein eingebaut. Lady liebt es sich abschleppen zu lassen und sich gegen das Halfter zu lehnen. Schnell macht Berni ihr klar, dass es für sie viel bequemer ist, dass nicht zu tun und statt dessen früh dem Druck nach zu geben. Am Abend sind wir bei den Winter’s zum Vesper eingeladen.

Berni ist für zwei Tage fort und Gabi freut sich, sich um seine Pferde zu kümmern. Ich hole endlich alle Einträge im Tagebuch nach, bearbeite Fotos, bestelle eine neue Isomatte, telefoniere und so weiter und so fort. Zwischendurch spielen wir mit unseren Pferden, Gabi raspelt Hufe und pflegt das Lederzeug, das zum Teil von der Nässe schon ganz schön gelitten hat.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Halbzeit !

Heute ist der 57. Tag und damit ist Halbzeit! Was für eine Reise, was für Herausforderungen. Unterwegs ist mir das Sinnbild des Goldschürfens gekommen. Unter all den körperlichen und mentalen Anstrengungen, den Unannehmlichkeiten, der Kälte, der Nässe, der Routine, der Ärgernisse, der manchmal schlechten Laune ist jeden Tag mindestens ein Goldkorn zu finden. Diese Goldnuggets erscheinen dann in Form von besonders schönen Bäumen, der Beobachtung von Vögeln, vom Winter verzauberte Landschaften, dem aufregenden Panorama der Alpen südlich unserer Route, der Freude an unseren Pferden, der Begegnung von netten Menschen, Anrufen von Gastgebern, die nach Wochen noch an uns denken, der Freude über neue Spenden für den Sterntalerhof, ein warmes Zimmer am Abend, Einladungen zum Frühstück von wildfremden Menschen.... All das würden wir nicht erleben, wenn wir nicht bereit wären, das andere mit in Kauf zu nehmen. Wir haben nun ungefähr die Hälfte der Strecke geschafft und wir sind entschlossen, die zweite Hälfte auch zu schaffen. Wir haben Zeiten von Motivationskrisen durchlebt und uns wieder aufgerappelt, wir haben uns gestritten und wieder vertragen. Wir sind dabei vertrauter geworden.

Wir sind dankbar für all die schönen Erlebnisse, für alles, was wir lernen durften, für die vielen Menschen, die uns großzügig unterstützt haben, dafür, dass jeder von uns einen "Verrückten" gefunden hat ,und dafür, dass wir genug Zeit und Mut haben, um diese Reise tun zu können.

Die Tage 46 bis 57

Der 46. Tag war ein unverhoffter zusätzlicher Pausentag. Mein Zeh war blitzblau und dick angeschwollen und ich hatte Mühe in den Schuh zu kommen. Also beschlossen wir noch einen Tag zu bleiben. Wir schliefen die meiste Zeit und ich beschäftigte mich mit Kühlen und Hochlagern meines Fußes.

Nach zwei Tagen Pause ging es am 47. Tag zum ersten Mal in einer Winterlandschaft weiter. Ziel war der Haflingerhof Rohrmoser in Wessobrunn. Die Straßen waren zum Teil
gefährlich glatt. Dafür schien die Sonne und der eisige Wind des Vortages hatte sich gelegt. Oft werden wir unterwegs angesprochen und es wird nach dem Woher und Wohin gefragt. Großes Staunen lösen auch immer wieder die Hufschuhe unserer Pferde aus. Leute, die selbst mit Pferden zu tun haben, können oft gar nicht glauben, dass Hufschuhe selbst für so lange Ritte geeignet sind.

Der 48.Tag war wieder so ein Tag, an dem wir morgens noch nicht wussten, wo wir die nächste Nacht verbringen werden. Unsere Freundin Manuela Murauer half uns und so landeten wir bei Frau Meyer-Herz in Schwabniederhofen. Als wir kamen, hatte sie schon einen Platz für unsere Pferde hergerichtet und sie lud uns zu Grünkohl mit Pinkel ein. Endlich mal wieder ein norddeutsches Gericht! Als sie von unserer Mission erfuhr, informierte sie gleich die Presse und außerdem gab sie uns Gelegenheit auf der Einstellerversammlung ihr Reitanlage einen kleinen Vortrag über unsere Reise und über den Sterntalerhof zu halten.

Bei knackigen minus 10 Grad Celsius ging es am 49.Tag weiter. Eigentlich sollten wir bei einer Bekannten von Frau Herz unterkommen, doch als wir dort ankamen, hatten sich die Bedingungen geändert. Wir sollten zwei unserer Pferde in einer Box anbinden und dass kommt für uns nur im absoluten Notfall in Frage. Was nun? Ich fragte, ob es noch andere Pferdehalter in dem Ort gab. Über mehrere Zwischenstationen bekamen wir eine Platz auf der "Five Horses Ranch", einem kleinen Stall mit gemütlichen Saloon von Chris Rasch. Der sagte spontan zu und er und seine Freundin Antje freuten sich riesig darüber, dass wir ihre Gäste wurden.

Es war bitterkalt am Morgen des 50. Tages. Minus 12 Grad Celsius! Navajo zeigt heute ein ungewöhnliches Verhalten, der gierigste von allen will nicht fressen. Wir beobachten, wie er scharrend dasteht und sich hinlegen will. Die Darmgeräusche sind schwach. Wir rufen einen Tierarzt, der auch in wenigen Minuten schon da ist. Navajo wird erst abgehorcht und dann schiebt der Tierarzt den ganzen Arm in Navajo’s After. Er fühlt, ob es Darmverschlingungen gibt. Entwarnung! Alles an seinem Platz. Dr. Georg Weinhart erklärt uns, dass er im Augenblick viele Pferde mit Verstopfung zu behandeln hat. Das kommt daher, dass die Pferde bei der Kälte nicht genug trinken. Er gibt noch eine krampflösende Spitze und sein ok für die Fortsetzung unserer Reise. Wir wandern und reiten durch eine bezaubernde Winterlandschaft. Der Raureif hat alles mit Eiskristallen überzogen. Nach einer kurzen Etappe erreichen wir am Nachmittag den Schimmelhof in Ebersbach. Navajo ging es noch immer nicht so gut. Er wollte weder richtig fressen noch saufen. Babsi, die Chefin vom Schimmelhof machte eine Box frei und wir holten Navajo rein. Wir entschlossen uns, einen Tag Pause zu machen. Von Babsi's Mutter wurden wir lieb versorgt.

Am 52. Tag erholte sich Navajo gut, er war zwar noch nicht ganz der Alte, doch er trank und fraß wieder relativ gut. Deshalb entschlossen wir uns, am 53. Tag weiter zu reiten. Heute erreichten wir den höchsten Punkt unserer bisherigen Reise, Eschers in 901 Meter über Meeresspiegel. Naja, nicht wirklich spektakulär diese Höhe, aber wir haben den Ausblick genossen. Aus Rücksicht auf Navajo machten wir eine Kurzetappe. Am frühen Nachmittag kamen wir auf dem Schilchernhof in Schrattenbach an. Nach nun insgesamt 4 Übernachtungen in eisige kalten Räumen ohne Heizung freuten wir uns auf ein Bett im Warmen. Auf dem Schilcherhof wird gerade ein Reithalle mit extra großem Dach für eine Solaranlage gebaut. Hier haben wir auch aus erster Hand bestätigt bekommen, dass es in Deutschland möglich ist, eine Reithalle sozusagen umsonst zu bekommen, wenn man die riesige Dachfläche zur Stromerzeugung mit Sonnenernergie nutzt.

Wir haben auf unserer Reise viele schöne Erfahrungen gemacht und viele nette und hilfsbereite Menschen kennen gelernt. Am 54. Tag kam es mal anders. Ziel war eine Wanderreitstation mit dem symbolträchtigen Namen "Hexenhof" in Maria Steinbach. Empfangen wurden wir von einer stark angetrunkenen Frau. Sofort ging das Theater los. Als erstes erklärte sie uns, wie richtig abgesattelt wird, schließlich ist sie Wanderreit-Ausbilderin vom Ersten Trekking Club Deutschland. Als nächstes limitierte sie die Heumenge für unsere Pferde, verweigerte, dass wir das Heu nass machen und machte sich darüber lustig, dass wir den Pferden handwarmes Wasser geben wollten, um sicher zu stellen, dass sie trinken. Wir kochten innerlich. Ohne Pferde hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht. Dann bot sie uns einen Tee an und es schien versöhnlich zu werden. Der Schein trügte. Jetzt legte sie erst richtig los. Wir hätten ja von nichts eine Ahnung, sind völlig unorganisiert, es sei eine Frechheit, dass wir so kurzfristig kommen (4 Tage vorher wurde sie von einem Freund gefragt, ob wir kommen können und sie hätte ja auch nein sagen können). An diesem Abend wollten sich Pferdefreunde vom Voralberger Parelli-Stammtisch und aus dem Voralberger Pferdeforum mit uns treffen. Als wir sagten, dass wir am Abend nicht da sein werden, dachte ich, wir werden gleich rausgeschmissen. Da sie etwas gekocht hatte, wurde uns die Missachtung der Gastfreundschaft vorgeworfen und gesagt, egal wo, wir brauchen zu ihr nicht mehr kommen. Als wir vom Treffen mit unseren Pferdefreunden zurück kamen, war die Besitzerin des Hofes auch da. Wir gingen hin, um guten Abend zu sagen und uns vorzustellen und wurden von dieser Dame auch gleich runtergeputz. Wir hätten so eine Schweinerei beim Heu gemacht, so etwas sei sie nicht gewohnt. Die Angesoffene saß da, grinste und wackelte mit der anderen den Kopf im Duett. Sie hatte ganze Arbeit geleistet. Super Übung zum Thema emotionale Fitness. Wir bezogen unseren Schlafplatz auf dem unausgebauten Dachboden mit scheibenlosen Fenstern. Bei minus 4 Grad konnten unsere Schlafsäcke mal wieder beweisen, was sie können. Am Kopfende des Bettes war alles voller Katzenscheiße. So etwas sind wir nun wieder nicht gewohnt. Ich runter und mit freundlichster Stimme um Handfeger und Kehrschaufel gebeten. Das war der Besitzerin nun doch etwas peinlich. Aber natürlich nicht so viel, dass sie sich dafür vielleicht entschuldigt hätte.
Der Abend mit den Voralbergern war toll. Denise, die das Treffen orgaisiert hatte, brachte uns Winnies Cockies und Suna Putzhandschuhe als Geschenke mit.

Am Morgen des 55.Tages waren wir so früh abreisebereit, dass wir noch auf den Sonnenaufgang warten mussten. Wir verabschiedeteten und bedankten uns für die Erfahrung, die wir dort machen durften (nämlich dass nichts selbstverständlich ist). Jaja, nichts zu danken, wurde uns geantwortet. Zunächst hatten wir noch schönes Wetter, dann begann ein heftiger Schneesturm aus Westen, der für den Rest des Tages anhielt. Der Wind peitschte uns den nassen Schnee ins Gesicht und in die Augen. Zuerst ritten wir. Doch dann wurde uns so kalt, dass wir nur noch marschierten. Nass, kalt und hungrig kamen wir gegen 15 Uhr bei der Wanderreitstation von Maritta Conrad in Leutkirch an. Wir wurden lieb empfangen, die Pferde freuten sich über eine große Box und reichlich Futter und wir über den geheizten Ofen. Am Abend kam uns Gunnar Schillig, ein alter Freund von Gabi und ihrer Familie, besuchen. Gunnar war einige Jahre in Australien, Papua Neuguinea, Neuseeland und USA auf Reisen in Sachen Horsemanship unterwegs und so gab es viel zu erzählen und zu tratschen. Da Gunnar nun schon wieder verreist ist (er besucht in Schweden ein Philippe Carl Kurs) ist sein Zimmer frei und wir machen zwei Tage Pause bei seinen Eltern, die uns auf's Beste betreuen.